Die Schlacht von Gurth Gruith

Thalarbat, das Land der unsterblichen Ceredir und Schöpfungsort Nelthíls, zentral gelegen im westlichen Kontinent der »alten Welt«, sollte nicht von ewigem Bestand sein. Das Zeitalter der Wanderung wurde eröffnet.


Wahays erstgeborene Tochter Acharn war es, die den Môrgurth das Augenlicht versprach, wenn sie sich ihrer Sache anschließen würden. Ristahín, der einzige Môrgurth der je einen Namen erhalten sollte, stellte seinen Körper dem Dämon zur Verfügung und ging eine Inkarnation mit ihm ein. Hier sei angemerkt das ein Ceredir, egal welche Macht er besitzt, nie dazu fähig wäre den Geist eines untergebenen Wesen durch seinen eigenen Willen vollständig zum Erlöschen zu bringen.

Im Körper seines Wirtes war Acharn imun gegen die tödliche Einstrahlung des Sonnenlichts und unsichtbar für die Augen der Ceredir des Himmels. Alt und ehrwürdig reichten die alten Tempel der Ceredir gen Himmel, die ganz Thalarbat überzogen. Damals war Restrok ungemein kleiner, fast in den Norden gedrängt und Thalarbat umfaßte fast den gesamten Kontinent.

Der nördlichste war der größte und schönste, von epischem Ausmaß. Man sagte er reiche so tief und so hoch das er die Wärme der Erde an die Oberfläche tragen würde. Und wo Wärme ist; da ist Leben. Wo Leben ist; da ist Licht. Licht ist die Quelle der Macht: Für einen Ceredir der Ursprung seiner Existenz, seiner Magie.

Ristahín suchte diesen Tempel auf. Mensch und Elf, Zwerg und Ceredir gingen dort ein und aus. Man rechnete nicht mit Verrat, man kannte keinen Hass, man glaubte sich sicher.

Doch dies sollte der Untergang jener goldenen Zeit sein...


»Was ist die Wahrheit? Sage es mir, Acharn!« Ristahín stand im Mittelpunkt des Tempels und blickte hinab in den Brunnen, der bis zur inneren Glut der Erde hinunter ragte. Es war Nacht. Niemand schien anwesend zu sein, denn die Ceredir bevorzugten es selbst am Abend zu ruhen um ihre Kräfte für den Tag zu sparen, denn das Licht ist abends knapp.

»Die Wahrheit? Sage Du es mir...« Eine Stimme erhob sich in seinem Kopf, die Stimme einer Frau; Sie klang schön und verführerisch.

»Du hast mich hierher geführt. Ich sehe den Tempel nicht, ich sehe den Brunnen nicht, ich ließ mich von der Wärme leiten und von Deinen Worten. Ist es das wert? Ist es das wert die Edain, die Zwerge, die Elfen und selbst die Ceredir zu verraten?« Ristahín stützte sich am Rand des Brunnen ab. Seine pupillenlosen weißen Augen starrten weit aufgerissen in die Schwärze seines Inneren. Lang und schwarz war sein Haar, reichte es doch fast bis zum Boden. Selbst ein Bart wuchs ihm wie er später in der Geschichte der Môrgurth verpönt war, war er doch nur ihm – dem Befreier, dem »Augenöffner« – gestattet.

»Ich werde Dich retten, Dich befreien; Deinem Leben einen Sinn geben. Ich werde Dir das Augenlicht schenken«, sprach Acharn zu ihm. Freundlich klang sie, doch ein gewisser Druck spiegelte sich in ihrem Inneren wider, der ihm zu verstehen gab, dass er gehorchen solle.

»Ist es das wert? Wert die Götter zu verraten?« Er zweifelte.

»Waren es nicht die Ceredir, die Deinem Volk das Augenlicht genommen haben, indem sie Euresgleichen erschufen? War es nicht Maelui, welche das Getier erschuf auf dass es sich anpassen und formen möge? War es nicht Maelui, die euch entstellt, die euch verbannt, die euch bestraft, indem sie euch schuf?« Zorn klang in ihrer Stimme.

»Sie hat uns geschaffen; Doch sie entschied sich für das Exil um Meleths Kinder zu schützen.« Er schien noch immer zu zweifeln.

»Verbannt wurde sie – verbannt von Aran und den Ceredir. Doch sie ließ man am Leben, während man Meleths Frau und seine Kinder tötete.« Acharn schrie ihn an: »Siehst Du die Wahrheit? Erkennst Du das Gesicht der Schöpfer? Deiner Schöpfer? Für sie seid ihr nichts – ein Spielzeug, ein Werkzeug, geschaffen um zu dienen – geschaffen um zu sterben.«

»Doch nicht alle sind so: Maelui rettete zwei Kinder des Meleth.« Ristahín schüttelte seinen Kopf und taumelte orientierungslos im Tempel auf und ab, als würde er Acharn abschütteln wollen.

»Maelui hat sie nicht gerettet. Sie hat sie versklavt. Sie hat sie sich untertan gemacht. Die Ceredir sind falsch. Ihre Gesinnung ist Falsch. Sie fordern Ordnung und Disziplin und prahlen mit ihrer strahlenden Identität, doch innerlich sind sie bereits abgestorben – nichts weiter als ein Werkzeug des Einen, geschaffen um zu schaffen, geschaffen um zu dienen – wie ihre Sklaven.«

»Wie ihre Sklaven...« murmelte Ristahín nach.

»Doch Wahays Kinder. Wir sind die Leithian. Gefallene Ceredir mögen sie uns nennen. Gesinnungslos und chaotisch mögen sie uns nennen... Nein!« Sie begann in seinem Kopf zu lachen. »Nein, wir sind nicht ›böse‹. Wir sind die Befreier: Befreier der Menschheit, Befreier der Elfen, Befreier der Zwerge, Befereier der Môrgurth. Und jeder, der sich uns in den Weg stellt, wird sterben.«

Ristahín brach zusammen. Seine Knie wurden schwer und er musste sich mit seinen Armen auf dem Boden abstützen um nicht hinzufallen. Acharn versuchte seinen Willen zu brechen, doch dazu sollte ein Ceredir nie in der Lage sein.

»Gib mir deinen Körper... Gib deinen Geist auf... Mach dich frei...« Ihre Stimme klang wohltuhend und verführerisch.

»›Frei‹. Doch was ist ›Frei‹? Werden wir je frei sein?« Er rappelte sich vom Boden auf und ging in Richtung Wärme, dort stützte er sich am Gestein des Brunnens ab.

»Freiheit ist ein Wunsch, ein Begriff. Mein Vater wird die Welt mit seiner Leidenschaft überströmen und die Parasiten der Sonne und all ihre Anhänger ihrer schwachen und vergänglichen Kultur für immer tilgen. Und du wirst als Held in die Geschichte eingehen. Du wirst unvergesslich in den Köpfen deines Volkes haften bleiben! Ich werde dir das Augenlicht schenken, wenn du es tust!« Sie wurde zunehmend lauter und agressiver, erst lieblich und leise erhob sich ihre Stimme zu einer wahren brüllenden Bestie.

»Warum brauchst du mich? Warum gerade ich?« Ristahín fasste sich an den Kopf und schien kurz davor verrückt zu werden: »Ich sehe Nichts, doch sehe ich dich – Ich fühle doch ich nehme nichts wahr – Ist es das was sich Wahrheit nennt? Das Nichts? Ich sehe die Wahrheit und sie ist erschreckend...«

»Dann lass dein Volk die Lüge sehen...«

Eine Zeit lang schwiegen sich beide an, dann fuhr sie fort: »Ich würde es selbst tun, doch sie würden mich sehen, wenn ich deinen Körper verlasse. Du musst meine Macht nutzen um den Himmel zu verdunkeln. Verdunkle den Himmel und mein Vater wird wissen was zu tun ist! Verdunkle den Himmel und dein Volk wird wissen was zu tun ist! Verdunkle den Himmel und wir werden die Tyrannen von dieser Welt verbannen!«


Der Himmel verdunkelte sich, die Schatten nahten und es sollte keinen Morgen in diesem Land mehr geben. Die Gebirge des Nordens wurden beschattet, Restrok wurde in Dunkelheit gehüllt und die Armee Wahays breitete sich im Gebiet des dunklen Mondes Richtung Süden aus.

Môrgurth, Dämonen, Leithian und vereinzelte Elfen, Edain und Zwerge, die sich der Sache Wahays anschlossen, hüllten das Land in ewige Finsternis. Die Heere des Lichts versammelten ihre vereinten Kräfte: Ceredir, Elfen, Zwerge und Edain trotzten dem ewigen Feind, der nur Hass kannte. Selbst Aran erhob sich von seinem Thron und stritt gegen den Feind. Im Schutze Wahays lies Ristahín mit Hilfe der Macht von Wahays erstgeborener Tochter den dunklen Mond wachsen, während die Truppen des Verhassten weiter gen Süden vordrangen und den Weg ebneten. Dämonen ließen Flammen züngeln und setzten den Boden in Brand. Ceredir beschworen die Sonne und bündelten ihre Strahlen um ihre gefallenen Halbbrüder in Asche zu verwandeln. Das Blut aller Geschöpfe vermischte sich und tränkte den Boden. Thenin stritt an der Seite der standhaft gebliebenen Drachen gegen die von Wahays Verlockung nach Macht verführten Drachen, doch er fiel. Amarth führte die Elfen in den Kampf und gebot ihnen Mitleid und Würde zu zeigen, während die andere Seite ihre Brüder zerrissen und entweiten. Doch auch sie fiel.

Gruith, ein gefallener Ceredir, der einst Maelui liebte und sich Wahays Sache anschloss befehligte die Armee der Môrgurth. Doch auch er fiel.

Gwann, die zweitgeborene Tochter Wahays, befehligte die Armee der Untoten. Sie fiel ebenfalls.

Der Krieg dauerte Jahre und das Ritual Ristahíns schritt nur langsam vorran.

Helden und Götter beider Seiten ließen ihr Leben für eine Sache die größer war als sie selbst, im Glauben es wäre die ihre und nicht die der Gegenseite.


Arans Heer des Lichts konnte den Feind bis zum entweihten Tempel zurück drängen, doch in der Finsternis des dunklen Mondes verloren die Ceredir den Großteil ihrer Macht, hatten sie so doch keine Nahrungsquelle mehr. Die größte Schlacht dieses Krieges fand dort statt: Die Schlacht von Gurth Gruith. Und man erzählt heute, dass man dort mit jedem Schritt auf ein ungeschaufeltes Grab tritt. Im Tempel selbst kämpften Wahay und Aran um die Vorherrschaft. An der Seite Arans stand Tirith, ein Ceredir von edler Gesinnung, zu dessen Ehren man heute den Orden der Paladine gründen ließ, sowie Edraith, der erste aller Hochelfen.

An Wahays Seite standen Iûl, Naur und Lith, seine ältesten Söhne, sowie Sahumio, ein gefallener Ceredir, der sich seiner Sache angeschlossenen hatte.

Aran stritt mit Wahay, und Tirith versuchte die Flammen seiner Söhne zum erlöschen zu bringen. Edraith stritt gegen Sahumio und Ristahín zerbrach unter dem Kampfgeschrei, das ihn umgab, er stritt gegen sich selbst und Acharn, da er weder ein noch aus wusste.

Wahay tötete Aran nach einem ein Jahr und sieben Tage andauernden Duell. Man sagte an diesem Tag verlor die Sonne ein wenig an Wärme und jeder Ceredir fror eine Zeitlang bis er sich an die gefallene Temperatur gewöhnt hatte. Tirith erschlug seine drei Söhne jeweils im Abstand einer Sonnenwende und Ristahín, der nur mehr von der Macht Acharns am Leben erhalten wurde und der als einziger Môrgurth noch nicht das Augenlicht geschenkt bekommen hatte, da sein Werk noch nicht vollbracht wahr, erlangte das Augenlicht durch Aran, der sich während des Duelles mit Wahay mit ihm unterhielt. Als er das Augenlicht erlangte und sah was er geschaffen hatte stach er sich die Augen aus und stürzte sich zusammen mit Acharn in die Tiefen des vulkanischen Brunnens. Sie sitzt heute noch im Erdkern fest, und immer wenn die Erde bebt versucht sie zu entkommen, sagt man.

Edraith wurde von Sahumio in die Knie gezwungen, fügte diesem jedoch auch eine tiefe Wunde zu bevor er starb, so dass er sich aus der Schlacht zurückziehen musste. Nur mehr Wahay und Tirith waren im Tempel übrig und um sie herum tobte der Krieg. Man sagte das Duell hätte durchaus noch ein ganzes Zeitalter oder mehr dauern können, hätte das Schicksal nicht eingegriffen. Während ihres Duells rammte Tirith sein feuriges Schwert in das verdorbene schwarze Krummschwert Wahays. Die beiden Teile verschmolzen zu einem ganzen und man sagt der Eine, Schöpfer der Ceredir und allen Lebens, hätte selbst eingegriffen und die beiden Duellanten in das Innere des Schwertes verbannt. Den Tempel selbst begrub er tief unter der Erde und ließ einen Berg darauf errichten, den dunklen Mond ließ er jedoch an Ort und Stelle verweilen und nurmehr die Inschrift des Schwertes lässt seinen Willen vermuten, doch von dieser sind nur Fetzen überliefert worden.